Kunst und Arbeit – Autonomie in der zeitgenössischen Kunstproduktion?
Eine Interdependenz von Selbstreflexivität  und ökonomischem Modelllieferant.

Die von der Boheme des 19. Jahrhunderts formulierten Forderungen nach künstlerischer Freiheit und Selbstbestimmung haben dem Kapitalismus zu seiner letzten Stufe grenzenloser Expansion verholfen. Vormals dem Kunstsektor zugeschriebene Produktionsbedingungen werden in den Industrienationen mehr und mehr zum Vorbild für andere Wirtschaftsbereiche. Die Kunst wird zum bloßen Modelllieferanten degradiert. Sie bietet einen spezifischen Zugang zur Arbeit, weil sie als Form des Schöpferischen und des Handwerklichen eine paradigmatische Funktion für den Begriff der Arbeit in der Neuzeit hat, zugleich aber als traditioneller Ort der Kritik alternative Entwürfe zum modernen Arbeitsbegriff entwickelt. An die Stelle fabrikorientierter Massenproduktion rückt die räumlich wie zeitlich flexible und mobile „projektbasierte Polis“, begleitet von De-Hierarchisierung und kollektivem Arbeiten.
Die Eingliederung der Kunst in eine industrielle Massenkultur anhand der Institutionalisierung der Gegenwartskunst nach dem Zweiten Weltkrieg markiert den Übergang zum kulturellen Dienstleistungssektor und somit zur Deautonomisierung künstlerischer Produktion. In der Postmoderne richtet sich das Denken gegen die Prinzipien der Vernunft und das Kreative wird zum Subjekt menschlicher Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung. Entsprechend der Transformation von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft legte vor allem der sekundäre Dienstleistungsbereich, wie Management und Organisation, Beratung, Publikation und Lehre, zu. Zu einer der Auswirkungen dieser „New Economy“ zählen die Annäherung von Wirtschaft und Kunst. So gesehen liegt es nicht fern, dass das Kuratorische, eine im Kunstfeld relevante Praxisform, die zusätzlich den Anforderungen wirtschaftlichen Managements entspricht, als Musterbeispiel für immaterielle Arbeit gesehen werden kann. Die Umstrukturierung in reine Projektarbeit nach einer „cite par projects“-Ökonomie und die damit einhergehende Prekarisierung, Ausbeutung und Deregulierung sowie das Verschwinden spezifischer Berufsbilder, geformt durch den strukturellen Wandel einer „neoliberalen Deregulierung“ bilden den gegenwärtigen Zustand einer Krise in der Kunstwelt. Anpassung, Vereinheitlichung, Universalisierung entstehen zugunsten einer Marktkonformität. Was oberflächlich betrachtet verständlich scheint, ist jedoch – aus einer zukünftigen Perspektive betrachtet – ein Totläufer. Biennalen, Messen, Projektausstellungen und Blockbusterausstellungen haben keine autonomen Beweggründe des Ausstellungsmachens. Eine Kunstproduktion und -präsentation, die nur noch rein hegemonial funktioniert kann nichts Neues für die Zukunft schaffen. Die kapitalistische Aneignung der Künstlerkritik schuf eine mobile, internationale Quasi-Klasse, deren Komplizenschaft mit dem, was sie normalerweise zu bekämpfen behauptet, offensichtlich ist. Als Ablehnung dieser vorherrschenden Praxis sind alternative kuratorische Formate entstanden, wie das Parakuratorische und daraus resultierend der Post-Curatorial Turn. Das Postkuratorische distanziert sich vom herrschenden sprachlichen Duktus des Ausstellens und von den damit verwobenen etablierten Konventionen von Marketing und Kritik. Somit stellt es eine Ablehnung des Spektakels und der Vermarktung sowie der Neigung zum Fachsimpeln, zum Moderieren und der kuratorischen Theorie dar. Statt aus immaterieller Arbeit besteht das Postkuratorische aus situativem und verkörpertem Wissen. Es ist ein Experimentieren, das die Behauptungen innerhalb der bestehenden Gefüge von Ausstellungsräumen und Bildungsinstitutionen auf den Prüfstand stellt.

Abstract zu meiner Masterarbeit im Zuge des /ecm (educating, curating, managing) Masterlehrgang für Ausstellungstheorie und -praxis an der Universität für angewandte Kunst Wien.

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art and labour –  autonomy in contemporary art production?
An interdependence of self-reflexivity and economic model supplier.

The demands for artistic freedom and self-determination, formulated by the bohemian of the nineteenth century, have helped capitalism to its final stage of boundless expansion. Production conditions, formerly attributed to the art sector, are increasingly becoming an example in the industrialized nations for other sectors of the economy. Art is degraded to being a mere model supplier. It offers a specific approach to labour because, as a form of creativity and craftsmanship, it has a paradigmatic function for the concept of labour in modern times, but at the same time, as a traditional place of criticism, it develops alternative designs for the modern concept of labour. Factory-oriented mass production is being replaced by spatially and temporally flexible and mobile „project-based polis“, accompanied by de-hierarchization and collective labour.
The incorporation of art into an industrial mass culture based on the institutionalization of contemporary art after the Second World War marks the transition to the cultural service sector and thus to the de-autonomisation of artistic production. In postmodernism, thinking is directed against the principles of reason, and the creativity becomes the subject of human self-development and self-realization. According to the transformation from the industrial to the service society, the secondary service sector in particular, such as management and organization, consulting, publication and teaching, increased. One of the effects of this „new economy“ is the convergence of economy and art. From this perspective, it is not inappropriate that the curatorial, a form of practice relevant to the field of art, which additionally meets the requirements of economic management, can be seen as a role model for immaterial work. The restructuring into pure project work for a „cite par projects“ economy and the associated precariousness, exploitation and deregulation as well as the disappearance of specific job profiles, shaped by the structural change of a „neoliberal deregulation“ constitute the current state of a crisis in the art world. Adaptation, standardization, universalization arise in favor of market conformity. What seems superficially understandable, however, is – viewed from a future perspective – a dead end. Biennales, art fairs, project exhibitions and blockbuster exhibitions have no autonomous motives for curating exhibitions. An art production and presentation that functions purely hegemonic and searches in the past can not create anything new for the future. The capitalist appropriation of the artist critique created a mobile, international quasi-class whose complicity with what they normally claim to combat is obvious. As a rejection of this prevailing practice, alternative curatorial formats have emerged, such as the paracuratorial and, as a result, the post-curatorial turn. The post-curatorial dissociates itself from the prevailing linguistic style of the exhibition and from the interwoven established conventions of marketing and criticism. Thus, it represents a rejection of the spectacle and the marketing as well as the tendency to talk shop, to moderate and of the curatorial theory. Instead of immaterial work, the post-curatorial consists of situational and embodied knowledge. It is an experiment that puts the claims within the existing fabric of exhibition spaces and educational institutions to the test.

Abstract for my master thesis in the course of my curatorial studies at the University of Applied Arts Vienna.

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Am Rand der Welt fällt Gold von den Sternen!
Maria Peters & Vanja Krajnc
kuratiert von Sofie Mathoi

Eröffnung am 04. Juli 2017 um 19.00
Dauer: 05.07. – 22.07.2017
12-14 contemporary, Schleifmühlgasse 12-14, 1040 Wien

Eröffnungsperformance „Bis an den Rand der Welt“ von Maria Peters als Belinda, genannt Linda/Nachfolgerin 19 im Jahr 3255.

 

 

In der Ausstellung „Am Rand der Welt fällt Gold von den Sternen!“ spielen Maria Peters und Vanja Krajnc mit romantischen Motiven und Emotionen und erlauben sich eine Leichtigkeit und das Schöpfen aus dem Unbewussten, um damit letztlich eine Art Enlightenment im Publikum zu evozieren. Sie propagieren bzw. kritisieren keine bestimmte Ideologie, sondern zeigen mehr ihre kritisch, reflektierende Lebenshaltung als Teil ihrer künstlerischen Praxis.

Die Erinnerungen der Vergangenheit sowie die Geschehnisse der Zukunft bestimmen ein Handeln gelenkt von einem Denken in post- und prä- Begriffen, die das Gestalten der Gegenwart definieren. Eine gewisse Furcht bzw. Sorge vor dem was passiert ist und dem was geschehen könnte, treibt die Gesellschaft in den Wunsch nach einem möglichst langen, glücklichen und risikolosen Leben ohne Härte und Konflikte. Sein Dasein nicht als unterworfenes Subjekt zu fristen, sondern als sich neu erfindendes, selbst entwerfendes Projekt. Die Fremdzwänge werden jedoch mit der Unterwerfung nach den eigenen inneren Zwängen getauscht. Optimierung und ein Funktionieren ohne große Reibung mit anderen Menschen werden angestrebt. Chaos hat hier keinen Platz mehr. Genau dieses Chaos thematisieren Maria Peters und Vanja Krajnc in der Ausstellung. Krajnc spricht vom inneren Chaos, aus dem die Menschen ihre Kreativität und ihre Kraft schöpfen, etwas zu fassen bzw. gestalten das größer ist als sie selbst. Inspiriert von der Rede Zarathustras an die Menschen aus Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ lenkt sie den Blick auf unser Inneres um dieses zu entblößen, um uns selbst und unser Umfeld neu zu gestalten.
Maria Peters Nachfolgerin Nr. 19 Belinda, aus dem Zyklus „Lost to regain“, berichtet uns  im Laufe der Ausstellung aus dem Jahr 3255, einer Welt die aus einer Gesellschaft der Optimierten und Klone besteht, und ihrer Aufgabe das Menschliche zu erhalten indem sie Chaos stiftet. Verborgene Wünsche evoziert und provoziert Belinda zum Beispiel in der Dekonstruktion vorgefertigter Meinungen. Sie erklärt die Erde zu einer Scheibe um die Möglichkeit zu haben bis an der Rand der Welt zu gehen.

Begleitend zur Ausstellung erscheinen wöchentliche-Berichte von Belinda/Nachfolgerin 19 auf der Blog-Seite von Maria Peters.

Maria Peters, *1966, lebt und arbeitet in Wien.
Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl): 2016 SET IN MOTION, Kunstraum Innsbruck; Einzelausstellungen & Performances (Auswahl): 2016 Der rote Faden durchs Labyrinth, Performance zur Eröffnung 70 Jahre Tiroler Künstler*schaft; 2015 Denn der Mensch kann nicht Hund sein, Kunstpavillon Innsbruck;

Vanja Krajnc, *1985, lebt und arbeitet in Wien.
Ausstellungen (Auswahl): 2016 Bratschi Pratschu II, Ze Tux Gallery; 2015 Fotografie trifft Zeichnung, Blue Eye Photo Award, Linz; 2014 Love Game, Literatur und Kunst im öffentlichen Raum, Baden bei Wien

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